Eigentlich sollte ich keinen Grund haben, mich über die öffentlichen Vekehrsmittel in Norwegen zu beschweren, denn aufgrund einer rechtlichen Grauzone bekomme ich in den meisten Fällen deutliche Ermäßigungen, weil ich hier meinen Zivildienst ableiste. In den Zügen und manchen Expressbussen fahre ich im Normalfall für 10% des normalen Fahrpreises.
Mittlerweile bin ich aber an dem Punkt angekommen, an dem der Ärger über die schlechte Flächendeckung die Freude über den geringen Fahrpreis fast vollständig neutralisiert. Vor allem im Norden Norwegens hat man fast keine Chance auf effektive Fortbewegung, sofern man nicht über ein eigenes Auto verfügt. Was nützt einem ein geringer Fahrpreis in Zügen, wenn es ab Bodø keinen Zug mehr gibt? Wer sich geografisch in Norwegen auskennt oder einen Blick auf die Karte wirft, wird feststellen, dass „dort oben“ ein riesiges Gebiet ohne Züge auskommen muss. Natürlich gibt es auch Busse sowie Fähren und Expressbote, die aber auch nicht sonderlich reich gesät sind.
Am vergangenen Samstag habe ich zwischen 2 größeren Städten [Harstad und Alta], die knapp 400km voneinander entfernt sind, mit der schnellsten Verbindung 16 Stunden gebraucht und trotz Studenten- oder Zivi-Rabatts umgerechnet knapp 100€ bezahlt. Man kann sich über die deutsche Bahn aufregen wie man will, ich hätte mit Kusshand einen 40°C warmen ICE genommen, sofern es ihn hier doch geben würde. Dort wäre ich selbst mit vollem Preis für weniger als die Hälfte des hiesigen Preises und in 3-4 Stunden am Ziel angekommen. Man kann natürlich argumentieren, dass sich aufgrund der dünnen Besiedelung der Neubau von Bahnstrecken nicht lohnen würde. Mit einem Blick auf die Karte stellt man aber fest, dass sich alle großen Städte des Nordens [Bodø, Narvik, Harstad, Tromsø und Alta] mit einer einzigen Bahnstrecke gut verbinden ließen. Und warum das in einem Land mit Ölmilliarden auf der hohen Kante nicht schon längst geschehen ist, ist mir ein Rätsel.
Es wird hier einfach selbstverständlich davon ausgegangen, dass jeder, der sein Haus verlassen will, ein Auto zur Verfügung hat – in dem meisten Fällen mag das stimmen. Wenn man aber nicht einer der Glücklichen ist, frustriert das von Reise zu Reise immer mehr.
Im Süden gibt es zwar ein spärlich ausgebautes Zugnetz, viel besser ist es dort aber auch nicht. Außerdem bereitet mir die Logik der Abfahrtszeiten beispielsweise der Linie Bergen – Oslo hartes Kopfzerbrechen. Es gibt jeden Tag genau fünf Züge pro Richtung. Zwei fahren am frühen Morgen im Abstand von einer Stunde, zwei am späten Nachmittag im selben Abstand und einer nachts. Dass irgendjemand auf die Idee kommen könnte, er würde gern tagsüber fahren [wie es mir schon erging], dass scheint den Fahrplanern der NSB noch nicht in den Sinn gekommen zu sein.
Jedem, der sich affektiert über geringe Verspätungen der Deutschen Bahn beschwert, kann ich nur sagen: Sei froh, dass es überhaupt einen Zug gibt. Denn in Norwegen, dem teuersten Land der Welt mit dem außerdem weltweit höchsten Lebensstandart, ist das nicht selbstverständlich.